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Monika Brechbühler
Juli 2011
Aktuell
Ein Familienmitglied wird pflegebedürftig:
Bevor Sie Ja sagen
Ohne es vorher
abgesprochen zu haben, scheint allen in der Familie klar, wer übernimmt, wenn
der Vater oder die Mutter Betreuung brauchen. Ihnen selbst auch! Aber
überstürzen Sie nichts. Erwägen Sie sorgfältig, ob und wie Sie diese neue
Aufgabe übernehmen. Dann wird die Pflegeaufgabe von Anfang richtig eingefädelt
und hat Aussicht auf ein erfolgreiches Unterfangen.
Vielleicht, weil Sie keine anderweitigen beruflichen
Verpflichtungen haben, oder Sie sowieso schon ganz in der Nähe leben, geht die
Familie wie selbstverständlich davon aus, dass Sie die Betreuung und Pflege der
alten Eltern übernehmen. Trotzdem möchte ich Sie eindringlich ermutigen, sich
genügend Zeit zu nehmen, um bewusst zu entscheiden. Denn es gibt gute Gründe,
die dagegen sprechen! Fast die Hälfte der pflegenden Angehörigen geben in einer
Studie an, dass sie nicht aus freier, überlegter Entscheidung die Pflege
übernommen haben, sondern aus einer Art Dankesschuld heraus: „Selbstverständlich
habe ich die Pflege meiner Mutter übernommen.“
Vor allem in ländlichen Regionen wird es als
selbstverständlich erachtet, dass die Tochter oder Schwiegertochter die Pflege
übernimmt. Und für eine Tochter ist es fast unmöglich, dagegen zu entscheiden. Zu
gross ist die Angst vor der Ächtung des Dorfes, davor dass man als „undankbare
Tochter“, als eine, die die kranken Eltern in Heim abschiebt oder gar als
„Erbschleicherin“ abgeurteilt wird.
Trotzdem: Gönnen Sie sich eine ganzes Wochenende Zeit, alle
Für und Wider die Pflege zusammenzutragen. Nehmen Sie sich auch die innere
Freiheit, Kühnes, Ungewohntes zu denken! Ich kann Ihnen garantieren, dass ganz
gleich wie Sie sich schliesslich entscheiden, Sie damit glücklicher und
unbelasteter sind!
Pflichtgefühl setzt
keine Energie frei
Suchen Sie sich einen ruhigen Ort und schreiben Sie alles
auf, was Ihnen zu der Situation in den Sinn kommt, ohne es zu werten. Aus
welchen Motiven heraus erwägen Sie die Pflegeübernahme:
Aus
Zuneigung zum Kranken?
Aus
Verantwortungs- und Pflichtgefühl?
Um
Schuldgefühle zu vermeiden?
Um
etwas Sinnvolles zu tun?
Aus
christlicher Überzeugung?
Die Erfahrung zeigt, dass Pflicht- und Schuldgefühle nicht
geeignete Motive sind, nicht genügend Energie frei setzen, um eine solche Aufgabe
zu übernehmen.
Verschiedene Faktoren machen die Pflege belastender als es
sein müsste, beispielsweise:
Sie
haben kein gutes Verhältnis zum Kranken
Sie
fühlen sich kräftemässig überfordert
Sie
sind bereits anderweitig sehr beansprucht
Es
braucht eine professionelle Pflege
Die
Familie möchte eine gratis Pflege haben (damit das Erbe nicht angetastet
wird)
Sie
werden zur Übernahme gedrängt
Sie
glauben, ein früher gegebenes Versprechen gegenüber dem Kranken einlösen
zu müssen.
Dabei scheint mir ein bestehendes schlechtes Verhältnis zum
Kranken der wichtigste Punkt zu sein, der dagegen spricht, diese Aufgabe zu
übernehmen. Denn bei jeder Pflegebeziehung entsteht ein Machtgefälle zwischen
Gepflegtem und Pflegendem. Der Hilfebedürftige verliert Macht auf Kosten der
Pflegeperson. Ist die Beziehung nicht grundsätzlich wohlwollend, besteht die
grosse Gefahr, dass Macht unbewusst ausgenützt wird, dass es zu verbaler oder
gar körperlicher Aggressivität kommt.
Offen aussprechen was
ist
Es kann also zwingend sein, die Pflege abzulehnen. Sprechen
Sie klare Worte zu jenen, die Sie zur Übernahme drängen wollen:
„Mein Schwiegervater hat mir in den letzten 20 Jahren kein einziges
gutes Wort gegeben“, können Sie etwa dem Hausarzt gegenüber anführen.
„Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke, dass ich
Mutter berühren muss“, können Sie den Geschwistern erklären.
Und auch gegenüber dem Kranken sollten Sie offen sein:
„ Seien wir doch ehrlich: Wir hatten nie eine gute
Beziehung. Ich glaube nicht, dass es für dich gut wäre, wenn ich dich nun
pflegen würde. Aber ich helfe gerne mit, für dich eine wirklich gute Lösung zu
finden“.
Denken Sie auch daran, dass ein Mensch nicht geduldiger,
netter und freundlicher wird, nur weil er nun pflegebedürftig ist. Im
Gegenteil: Jemand, der immer das Sagen hatte und jetzt hilflos ist, kann ein
grantiger Patient werden.
Aber wir sind noch nicht soweit mit der Entscheidung. Es
gibt noch einige Punkte abzuklären.
Hatten Sie bisher jeden Tag einige Stunden, womit Sie nichts
anzufangen wussten? Wohl kaum. Denken Sie daran, dass wenn Sie die Pflege
übernehmen, ihre bisherigen Arbeiten auch erledigt werden müssen. Ist Ihr
Partner bereit, etwas davon zu übernehmen?
Bevor Sie entscheiden, holen Sie Informationen ein:
Fragen Sie den Pflegebedürftigen, wie er sich die Zukunft
vorstellt. Was ihm wichtig ist, was er noch für Ziele hat, von wem er gepflegt
werden möchte. Befragen Sie aber auch den Arzt und die Pflegepersonen (Spitex) über
die Prognose und wie hoch der Pflegeaufwand eingeschätzt wird. Rufen Sie unbedingt
bei der entsprechenden Gesundheitsliga an (Krebsliga, Alzheimervereinigung,
MS-Gesellschaft usw.). Diese Ligen verfügen über einen grossen Wissens- und
Erfahrungsschatz und können Ihnen viele Tipps und Informationen geben. Die Pro
Senectute in Ihrer Region berät Sie gerne auch in rechtlicher Hinsicht und
sendet Ihnen den „Betreuungs- und Pflegevertrag“ zu. Das ist ein äusserst
praktisches Musterpapier, das Ihnen und dem Krankenermöglicht, auch die finanzielle Seite klar
zu regeln.
Bedingungen stellen
Und wenn Sie alle nötigen Fakten zusammengetragen und sich
entschieden haben, sprechen Sie mit der Spitex und bitten sie, eine
Familienkonferenz einzuberufen. Aber sagen Sie dort nicht bedingungslos Ja. Erklären
Sie beispielsweise:
„Ja, ich übernehme die Pflege, aber zuerst mit einer
Probezeit von einem Monat. Und ich stehe zur Verfügung am Montag, Dienstag,
Mittwochmorgen, am Donnerstag, Freitag und Sonntagmorgen“. Mit der Aufzählung
machen Sie allen klar, wie viele Tage Sie abdecken, und dann werden sich die
anderen verpflichten, die übrige (wenige) Zeit zu übernehmen. Ein solches
Vorgehen macht allen klar, dass es nicht selbstverständlich ist, dass Sie die
Aufgabe übernehmen. Auch dem Patient wird signalisiert, dass er dazu beitragen
muss, dass Sie auch nach der Probezeit weitermachen.
Eine solche differenzierte Entscheidung bewirkt aber auch
bei Ihnen vieles: Sie gehen nicht mit einer Opferhaltung an die Aufgabe heran,
sondern mit dem Gefühl, dass Sie selbst bestimmen, was und wie viel Sie
übernehmen. Und das setzt grosse Kräfte in Ihnen frei. So können Sie Ihre neue
Aufgabe mit Elan und Kreativität angehen.
Monika Brechbühler
Autorin des Ratgebers
„Ein Pflegefall in der Familie“,Beobachter-Verlag, Zürich 2004 (vergriffen aber
es gibt noch einige Exemplare bei der Autorin)